Als der gute Adolph Freiherr Knigge im Jahr 1788 sein Buch Über den Umgang mit Menschen veröffentlichte, ahnte er noch lange nichts von “Re: Re: Aw: Re: Präsentation”, “tits or gtfo” oder “omg xROFLmao!!1elf”.
Heute, Jahrhunderte später, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir unser Sozialverhalten rund um die neuen Kommunikationsmöglichkeiten mit den Einsen und Nullen gestalten wollen. Oder, sollten wir zumindest, finde ich. Hier ist ein Vorschlag von mir:
1. Echtzeit zuerst
Je Echtzeit-bezogener ein Medium ist, eine desto höhere Priorität bekommt es. Genauso wie man einen Telefonanrufer nicht warten lässt, um einen Brief zu schreiben, sollte man einen Chatpartner nicht warten lassen, um zu bloggen oder zu twittern. Allgemein gesagt, sehe ich da so eine Rangliste der Medien, nach der man seine Aufmerksamkeit priorisieren sollte. Von oben nach unten mit abnehmender Priorität:
- Gespräch mit einem Gegenüber
- Gespräch am Telefon
- Skype
- Chat
- Pinwand-Dialog in sozialen Netzwerken
- Brief
2. One-to-one bleibt ebendas
Soziale Netzwerke sind eine wunderbare Erfindung. Die durch sie ermöglichte one-to-many-Kommunikation kann richtig praktisch sein, wenn man zum Beispiel in die Runde fragt, was denn so als Abendplanung angedacht ist, oder den anderen mitteilt, welche neue Musik man entdeckt hat.
Es gibt jedoch Dinge zwischen Menschen, die sollten auch zwischen diesen Menschen bleiben. Dazu zählen Streit, Feindseligkeiten und Rumgezicke. Ich kann es absolut nicht verstehen, wie manche Leute ihrem Unmut über eine bestimmte Person Luft machen, in dem sie entsprechende Statusmeldungen bei facebook schreiben. Auch wenn nur angedeutet wird, um wen es geht. Wer ein Problem mit jemandem hat, der klärt das doch bitte per persönlicher Nachricht, nicht öffentlich!
Das gilt übrigens auch für frisch verliebte Pärchen: Liebesschwüre gelten auch, wenn sie per privater Nachricht geschickt werden.
3. Richtig hilft
Keiner ist perfekt und auch ich bin eine Niete in Orthografie und Grammatik. Und dennoch bin ich bemüht, Großbuchstaben zu verwenden, Tippfehler zu korrigieren und Satzzeichen zu setzen. Nicht, weil ich ein Fan von Bastian Sick bin oder die deutsche Grammatik besonders prickelnd finde, sondern weil es einfach viel leserlicher ist. Und stilvoller.
Dementsprechend finde ich auch Blogs ohne Großbuchstaben nervig. Nur weil der Autor zu faul ist, ein paar mal seinen linken kleinen Finger zu heben, sollen die Leser schlechter lesen können?
4. Mehrarbeit vermeiden
Das tolle am Internet ist, dass es Leute mit unterschiedlichsten Qualifikationen zusammenbringt. Das sieht man auch schön in Communities. Während man früher noch Freunde von Freunden suchen musste, wenn man einen Experten gebraucht hat, kann man heute nach kurzer Anmeldung in Foren nachfragen.
Dabei sollte man aber stets darauf achten, dass man zumindest kurz versucht, seine Frage selbst zu beantworten. Denn bevor ich verschiedene Leute im Forum oder per Twitter mobilisiere, die alle auf meine Frage antworten und womöglich erst beim Abschicken sehen, dass jemand anderes schon vorher geschrieben hat, sollte ich sicherstellen, dass die Frage nicht ohne weiteres mit Google oder der Forensuche beantwortet werden kann.
Wikipedia (deutsch/englisch), Google, Pons, Leo oder was auch immer lassen sich mit Firefox in Sekundenbruchteilen nacheinander durchsuchen. So viel Zeit muss sein.
Ganz besonders wichtig ist das Googeln auch beim Thema Hoaxes. Denn wer bei Nachrichten, dass studiVZ bald kostenpflichtig wird oder Aufrufen zu Protestschreiben gegen Katzen in Einmachgläsern nicht Lunte riecht, der macht sich der massiven kollektiven Zeitverschwendung schuldig.
5. Reichweite ist Verantwortung
Email-Verteiler sind rein quantitativ vermutlich der Produktivitätskiller des Jahrzehnts. Bevor man über die Relevanz der Botschaft nachgedacht hat, hat man als Chef schnell mal die gesamte Abteilung in’s Copy-Feld gesetzt. Oder vielleicht einfach die gesamte Firma anschreiben, wer die versehentlich gekauften Konzertkarten möchte? Vielleicht findet sich ja jemand…
Doch nicht nur in Firmen, auch an Unis und Schulen sind Verteiler oft eine echte Plage. Daher immer dran denken: Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung.
In Analogien denken
Um Benimm im Web zu reflektieren, möchte ich folgenden Tipp geben: Einfach Analogien bilden, um die Technologie gedanklich auszuklammern. Dann wird unmögliches Verhalten deutlich, hier ein paar Beispiele für die obigen Punkte:
- Würde man das Telefon abnehmen und ewig quatschen, wenn man einen guten Freund zu Besuch hat?
- “Du Schwein hast mich betrogen! Geh sterben!” ist zwar ein toller Text für eine SMS, aber nicht für einen Leserbrief in der Zeitung. Außer es handelt sich dabei um die BUNTE, schon klar…
- Spricht man, während man gerade in einen fetten Hamburger beißt? Die Amerikaner klingen vielleicht so, aber ansonsten spricht man doch nicht extra undeutlich!
- Wer würde einen Professor für Linguistik an der lokalen Universität besuchen und fragen, ob man “am häufigsten” groß oder klein schreibt?
- Der Muezzin ruft auch nur den Gebetsruf und schreit nicht noch durch die Stadt, dass jemand ein paar rote Sandalen in der Moschee vergessen hat.
In diesem Sinne: Auf ein freundliches Miteinander im Internet!









Sehr gut geschriebener und durchdachter Artikel, bei dem ich selbst über mein Online-Verhalten nachgedacht habe.
Vielen Dank!
Hi,
finde den Artikel prima – gleich mal auf Gesichterbuch weitergeben
Gruß
Doppelten vielen Dank!