Günter Jauch. Eine Wiederrede nach einem Jahr.

Zeitung oder Internet? Günther Jauch ist für die Zeitung.

Als ich dieses Interview (highly recommended) gesucht habe, bin ich heute über ein  Interview mit Günther Jauch gestolpert. Der Artikel ist zwar über ein Jahr alt, aber das Thema aktueller denn je. Deshalb: Mein Senf dazu in aller Kürze.

Die Sache fängt ganz harmlos an. Zu der Anekdote einer Deutschlehrerin, die als Kandidatin bei Wer Wird Millionär “Ringelnatz” nicht kannte, merkt Spiegel Online an:

Im wirklichen Leben hätte man das schnell gegoogelt.

Den Steilpass nimmt Herr Jauch direkt zum Anlass um richtig loszulegen. Er sagt:

Stimmt, man hätte die Antwort schnell gefunden, aber das Internet ist doch tückisch, wenn es um Wissen geht. Es verleitet zu der Fehleinschätzung, man müsse selbst nichts mehr wissen und demzufolge auch nichts mehr lernen.

Da mag vielleicht etwas Wahres dran sein und trotzdem muss man vorsichtig sein. Denn hätte man dasselbe nicht über die Erfindung des Buchdruck sagen können? Über das Bauen von Bibliotheken? Fakt ist: Wissen wird immer leichter erreichbar. Ob sich daraus tatsächlich eine solche Behauptung ableiten lässt, da bin ich mir nicht sicher.

Dann der echte Kracher:

Steht ja alles im Computer.

Steht heutzutage nicht alles in der Cloud? Und weiter:

Das halte ich für zu simpel, denn das Netz ist doch eher eine informationelle Müllhalde und sehr chaotisch.

Nenne ich den Printjournalismus eine informationelle Müllhalde, weil 95% der Zeitungen am Kiosk eben nicht die Stuttgarter Zeitung, sondern die Neue Post (Erol Sander im Baby Glück – Wir haben für Sie exklusive Bilder vom seinem süßen Baby Elyas), die Riesen Rätsel-Revue (Jetzt mit Super kniffligem Sudoku!), pfiff! (Heißer Hausfrauen-Sex!) und die Bravo Girl (US5 – Kommen die Boys zurück nach Germany?) sind?

Und wenn wir schon von Ordnung sprechen: Haben Sie mal versucht einen gedruckten Artikel im Spiegel mit einem Klick zu bookmarken, weiterzuleiten, mit dem Freundeskreis zu teilen und nach zwei Jahren durch das Eingeben von zwei Tags wiederzufinden, Herr Jauch?

Gegen dieses Informationschaos hilft nur Bildung, denn wenn ich das Wichtige vom Schrott trennen will, muss ich um grundlegende Zusammenhänge wissen.

Wissen ist aber nicht Bildung. Ja, richtig: Grundlegende Zusammenhänge sind wichtig. Ich behaupte aber, dass jemand, der im Internet fit ist, sich diese grundlegenden Zusammenhänge mit Hilfe des Internets doppelt so schnell und gleich gut erarbeiten kann wie jemand, der das Internet nicht benutzt. Und dafür braucht man auch etwas anderes: Den sicheren Umgang mit den neuen Medien. Und den bekommt man nur, wenn man diese auch nutzt!

Bildung lässt sich nicht downloaden.

Nein, aber Bildung lässt sich auch nicht bei der Gruner und Jahr AG abonnieren, denke ich.

Und ich habe auch ein generelles Problem mit Leuten, die stolz darauf sind, dass sie keine Zeitung lesen und sich nur noch online informieren – dabei sind doch Zeitungen notwendig, um an der Kultur und der Gesellschaft teilzuhaben.

Und ich habe ein generelles Problem mit Leuten, die die Begriffe “Zeitung” und “Qualitätsjournalismus” durcheinander bringen. Wir müssen den Qualitätsjournalismus retten, nicht die Zeitungen. Guten Journalismuskann es auch online geben. Schneller, einfacher, günstiger im Vertrieb und mit der Möglichkeit eines direkten Rückkanals.

Was die Gesellschaft angeht: Ich befürchte, die wird eher von Heidi Klum als von Stefan Markwort zusammen gehalten.

Was die Kultur angeht: Ich bin der Meinung, die großen Blätter haben eine Vorstellung von Kultur, die zwar wünschenswert wäre, aber für die überwältigende Mehrheit der Deutschen weder verständlich noch vermittelbar ist.

Allen Schülern und Studenten kann ich nur zurufen: Lest mehr Zeitung!

Allen Schülern und Studenten kann ich nur zurufen: Lest mehr Qualitätsjournalismus! Am besten von vielen verschiedenen Verlagen mit einem RSS-Reader wie dem Google Reader! Erweitert eure mediale Rezeption um politische Blogs, die Meinungen Abseits des Agendasetting des Medienoligopols vertreten! Bookmarked euch dradio! Tauscht euch in Foren, bei Facebook und Twitter aus! Und übt schon mal, wie man Lagerfeuer ohne Papier anmachen kann, denn in einem Jahrzehnt wird es wohl soweit sein.

Eines ist aber heute schon klar: Gurke für Jauch!

Icon der Goldenen Pixelgurke

Übrigens: Dieser Artikel richtet sich nicht gegen den guten Günther persönlich, sondern gegen allzu skeptische Vorstellungen vom Wesen und Potential des Internets. Ich freue mich auch über Einwände und Kritik und bin für jeden Diskurs zu haben. Telefonnummer und Emailadresse finden sich auf meiner Homepage.

__

Falk Ebert

About these ads

9 Antworten zu „Günter Jauch. Eine Wiederrede nach einem Jahr.“


  1. 2 Christian Hütel August 19, 2010 um 3:08 nachmittags

    Guter Artikel! Ich bin ebenfalls ein Befürworter der Onlinemedien und keinesfalls sehe ich den bildungspolitischen Untergang im Internet aber dennoch sollte hier auch erwähnt werden. dass es beim sog rezipieren von RSS Feeds eben schnell zum Information Overkill kommen kann. Hier hat die Zeitung wieder meiner Meinung nach den Vorteil der allgemeinen Bedürfnisbefriedigung. Soll heißen, dass dem Stuttgarter Bürger die Süddeutsche eben reicht zum informieren. Ein findiger Internet-rss-Leser gibt sich damit allerdings nicht zufrieden. Hier wird eben der vom Google Reader vorgeschlagene Nachrichten Feed abonniert und gleich noch der Wirtschaftsfeed etc. So hat man schnell 20 oder mehr Quellen. Alle für sich ausgezeichnet allerdings zum einordnen der Vakanz und Relevanz absolut ungeeignet. Hier muss man such dann eben auch fragen ob weniger (eine Zeitung) nicht manchmal mehr ist. Dennoch sind die im Artikel erwähnten Vorteile absolut richtig und nicht weg zu diskutieren.

    • 3 Johannes Korn August 19, 2010 um 5:56 nachmittags

      Ich möchte da auch nochmal anfügen.
      Der große Vorteil der Zeitung ist natürlich die redaktionelle Auswahl. Eben kein Overflow, wie Christian richtig bemerkte (wobei, wer schonmal ne FAZ in der Hand hatte…). Vor allem sehe ich aber den Vorteil der Vorauswahl darin, dass ich damit auch ganz zwangsläufig über Themengebiete informiert werde in denen ich mich nicht auskenne und deren Belang mir nicht bewusst war.
      Beispiel. Wenn ich ein tech-affiner Webtyp bin, dann lese ich wahrscheinlich in ganz übergroßer Zahl Nachrichten aus diesem Bereich. Mein Zeitanteil Nachrichtenkonsum / Tag wird also mehrheitlich davon in Beschlag genommen. Möchte ich nun genauso ausgewogen noch über diverse andere Gebiete informiert sein kann mir gut die Zeit fehlen.
      Von daher: redaktionelle Vorauswahl kann was ganz tolles sein. Ob sie aber zwingend durch eine Print-Zeitung geschehen muss – und da bin ich wieder ganz bei Falk – ist erstmal unerheblich. Qualität ist gefragt.

  2. 4 Ralph Hanus August 19, 2010 um 3:08 nachmittags

    hmmmmmm ich denke das ist gut aufn Punkt gebracht. *applaus*

    Wie in einem anderen Blogeintrag von dir, rettet nicht nur den Qualitätsjournalismus sondern auch die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (was für ein altmodischer Name).

    Auf jeden Fall:

    Weiter so!!

    greetz
    Ralle

  3. 5 Milan August 19, 2010 um 6:32 nachmittags

    Der Anfang des Artikels ist ein wenig Brotlos. Dass Jauchs Aussagen hier billigste Polemik sind dürfte doch jedem klar sein, das gleiche dann eben auch den Printmedien vorzuwerfen wirkt etwas nach Schlammschlacht (auch wenn die Entgegnungen faktisch natürlich berechtigt sind). Aber vielleicht ist es wirklich nötig es nochmal auf den Punkt zu bringen.
    Der Blogeintrag kommt hiermit dann natürlich gut zum Punkt:
    “Und ich habe ein generelles Problem mit Leuten, die die Begriffe „Zeitung“ und „Qualitätsjournalismus“ durcheinander bringen. Wir müssen den Qualitätsjournalismus retten, nicht die Zeitungen.”
    Besser ist es natürlich kaum auszudrücken.

    Den Vorteil der Pritmedien sehe ich in der Fokussierung meiner Aufmerksamkeit. Meine Aufmerksamkeit ist wenn ich morgens Zeitung lese viel stärker beim Artikel selbst als wenn ich mich am PC (Ich spreche bewusst von einem PC, zwischen bspw. einem Kindle und einem Buch erkenne ich sowieso kaum einen Unterschied) durch diverse Artikel (ob mit Google-Reader oder wie auch immer) scrolle. Ich lasse mich (ja, hier fehlt mir die Disziplin) viel zu schnell von Instant Messengern und weiterführenden Links (die das eigentliche Thema nur peripher oder gar nicht betreffen) ablenken. Mit meiner Zeitung geschieht mir das nicht.

    Die Vorteile des Internets sind weitaus größere. Der wohl wichtigste Punkt ist meines Erachtens, dass gerade durch das „informieren übers Netz“ die von Jauch geforderte „Bildung“ (also Zusammenhänge und sonst alle möglichen Humboldt‘schen Phrasen) erreicht werden kann. Bei den Printmedien treffe ich zu einem bestimmten Zeitpunkt die Entscheidung welcher Zeitung (bzw. welchen Zeitungen) ich vertraue (bzw. in welchen Zeitungen ich meine Ansichten wiedergespiegelt/vertreten sehe). Ist diese Entscheidung erst einmal getroffen wird (meist) mehr oder weniger blind dem geschriebenen vertraut, die sogenannten „Fakten“ lassen sich kaum anzweifeln, man verdrängt, dass der Artikel ja auch nur von Journalist X geschrieben wurden. V.a. deutsche Zeitungen (ich ziehe hier den Vergleich zu den Britischen, ansonsten fehlt mir die Erfahrung) versuchen den Autor mehr oder weniger „auszublenden“. Man versucht dem Leser das Gefühl zu vermitteln direkt „Fakten“ zu lesen (nein, ich rede hier nicht von der Taz). Im Internet hingegen habe ich mit jedem Blog einen anderen Autoren mit genuinem Profil, zu jedem Thematik die mein Interesse weckt kann ich x-beliebig viele Verlage durchstöbern (ob mit Google-Reader oder sonstwie) und sofort stellt sich bei mir das Bewusstsein der „Relativität“ eines einzelnen Artikels heraus. (Wer kann den schon 10-20 Tageszeitungen erwerben? Mit ein paar Klicks sieht das anders aus.) Diese Vielzahl an Artikeln, Standpunken etc. pp. zwingt den Leser doch dazu selbst die Zusammenhänge herzustellen, das Destillat „Wahrheit“ aus den vielen Artikeln zu gewinnen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Dieses Erlebnis kann mir eine Zeitung nicht bieten. Denn im besten Fall steht der Autor mit seiner Meinung da und ich mit einer anderen. Ja und? Es mag abgedroschen klingen Gadamer so unvollständig zu zitieren, aber die „Wahrheit“ lässt sich eben im Dialog finden. Und den bietet mir das Internet.

    Und deshalb lese ich auch (bewusst/stolz) keine Tageszeitung, sondern habe ausschließlich eine Wochenzeitung (für Unterwegs und überall wo ich keinen Zugriff auf einen PC habe), nämlich den Guardian Weekly, abonniert. Das genügt mir Volkommen und hätte ich irgendeine tragbare Device wäre auch diese Wochenzeitung obsolet. Denn sobald ich komfortablem Zugriff auf das Internet habe, ziehe ich es einer gedruckten Zeitung vor.

  4. 7 Peter Wagner August 20, 2010 um 7:36 vormittags

    Danke für die Argumentationshilfen!

  5. 8 Ariane März 11, 2012 um 11:35 nachmittags

    März 2012. Günter Jauch moderierte gerade eine Talk-Show mit Journalisten, in der es darum ging, über andere herzuziehen. Nicht erlaubt war eine Andeutung über publizierte Kritik über Jauch selbst. Er konnte damit nicht umgehen und war wie auf den Mund gefallen. Wer will diesen Bubi aus Hanseaten-Kreisen (Wikipedia) denn wirklich sehen?!


  1. 1 Google Instant und die Werbung « Gefahrgut Trackback zu September 10, 2010 um 2:59 nachmittags

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Die Autoren

Christian Faller Falk Ebert

Social

Der Gefahrgut Blog bei FacebookDer Gefahrgut Blog bei TwitterDer Gefahrgut Blog bei Google PlusDer Feed des Gefahrgut Blog

 

Publicons

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
Blogverzeichnis
Blogverzeichnis
Blog Verzeichnis
Blog Top Liste - by TopBlogs.de
Firmen Blogs im Verzeichnis

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 448 Followern an